Rat und Tat

Kann mir das Internet Entscheidungen abnehmen?


Das Leben ist im Grunde nichts weiter als eine Abfolge von Entscheidungen, die wir treffen. Trinke ich den Kaffee heute ohne Zucker? Welche Schuhe ziehe ich an? Kündige ich meine Stelle und wandere aus? Täglich treffen wir Hunderte Entscheidungen, die meisten sind so unbedeutend oder so routiniert, dass wir gar nicht mehr merken, dass wir uns entscheiden. Sobald wir uns bewusst entscheiden müssen, wird es unangenehm. Entscheiden bedeutet, vielleicht das Falsche zu tun. Und doch ist es das Entscheiden oder vielmehr die Möglichkeit, sich entscheiden zu können, was uns zu freien Menschen macht. Wer nicht entscheiden kann, ist unfrei. Ist fremdbestimmt.

Doch wer sagt mir schon, dass die weisesten Entscheidungen für mich herauskommen, wenn ich sie selber treffe? Die Erfahrung lässt eher das Gegenteil wahr erscheinen. Und wer frei entscheiden kann, kann schliesslich auch entscheiden, nicht mehr selber zu entscheiden. Ich lasse mich auf ein Experiment mit Hunch ein, der «Entscheidungsmaschine». Die Website hunch.com ist dafür gemacht, dem Menschen Entscheidungen abzunehmen. Einen Tag lang will ich mich voll auf die Entscheidungsmaschine verlassen, lasse mich als Marionette von der unsichtbaren Hand des Internets führen.

Der Tag beginnt mit dem Blick in den Spiegel: rasieren oder nicht? Ich tippe meine Frage auf der Website ein. Hunch kommt zu seinen Empfehlungen, indem es Gegenfragen stellt. So lange, bis es weiss, welche Entscheidung die richtige ist. Nein, Rasieren macht mir keinen Spass; die letzte Rasur ist weniger als sieben Tage her; Leute, die ich mag, finden Bart gut, antworte ich auf die Nachfragen. Hunch meint: nicht rasieren. Ich streife mir ein Hemd über (das passt zum Wetter, zu meiner Stimmung und meinen Tagesplänen, sagt die Maschine) und widme mich dem Frühstück. Ein Stück Brot und ein Joghurt sind genau richtig (leicht, kalt, schnell zuzubereiten).

So weit, so unspektakulär. Das hätte ich mir alles auch selber überlegen können. Gerade darin liegt die Stärke der Entscheidungsmaschine. Sie zwingt einem nichts auf, sie hilft einem auf die Sprünge, indem sie die richtigen Überlegungen anregt. Jede Nachfrage ist so gestellt, dass mit meiner Antwort die Zahl der möglichen Alternativen sinkt. So lange, bis nur noch eine Wahl sinnvoll erscheint. Woher Hunch diese Weisheit hat, sollen wir später erfahren. Vorerst lasse ich mich von der Maschine beeindrucken, ohne ihr Geheimnis zu kennen. Ausserdem muss ich nun an die Arbeit. Findet nicht Hunch, wohl aber mein Verleger.

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Sollte ich vielleicht für Google arbeiten?, frage ich mich zwischendurch. Und wenn ich sage, ich frage mich, dann meine ich heute natürlich: Ich frage Hunch. Kommt nicht in Frage, weiss die Maschine. «Hast du einen Stanford-Doktortitel in Computerwissenschaft?» ist deutlich genug. Autsch.

Nun gilt es ernst für die Maschine. Eine Digitalkamera möchte ich mir kaufen. Hier wüsste ich alleine nicht weiter, schlechter Rat kann teuer enden. Was soll es sein? Eine Spiegelreflex. Günstiger als 600 Franken. Die Marke ist mir egal. Ob ich ein guter Fotograf sei? Naja, geht so. Die Maschine schlägt eine Sony und eine Olympus vor, mit leichten Vorteilen für die Sony. Eine Minute hat die Entscheidungsfindung gedauert – rekordverdächtig. Verdächtig allemal. Zwei Fachmagazine, die ich beiziehe, bestätigen mein Misstrauen nicht. Beiden Kameras wird hervorragende Qualität bescheinigt. Zu einer Fülle von technischen Geräten weiss Hunch Rat, ob man sie anschaffen soll und wenn ja, welches Modell. Ich lasse es mir nicht nehmen, kurz bereits getroffene Entscheidungen aus der Vergangenheit zu überprüfen: Ich besitze das richtige Handy, aber das falsche Netbook. Eingangsthese gestützt: Es gibt gute Gründe, nicht selber zu entscheiden. Hunch weiss es besser.

Hunch weiss es umso besser, je länger ich die Maschine nutze und je mehr sie über mich erfährt. Mit den Entscheidungen, die ich heute schon mit Hunch getroffen habe, hat es bereits einiges über mich gelernt. Ich kann die Maschine aber auch ganz gezielt mit Informationen füttern und ihr meine Vorlieben verraten. Mein Profil wird anhand von bis zu 1250 Fragen geschärft, zu Geschlecht, Alter und Wohnort, aber auch, ob ich gerne unsterblich wäre (weiss nicht), ob ich unter der Dusche singe (nein, nie) und ob ich einen Papierflieger im ersten Anlauf falten kann (ja, selbstverständlich). Bevor die Maschine das nächste Mal eine Empfehlung ausspuckt, vergleicht sie, ob andere nicht singende Papierfalter mit nicht klar definiertem Unsterblichkeitswunsch sie treffend fanden.

Beim Mittagessen (Hunch hat mich zum Inder geschickt) will ich meinen Coiffeur anrufen. Doch Moment, das habe nicht ich zu entscheiden. Tatsächlich findet mein digitaler Vormund, ich könne noch zuwarten mit dem Haareschneiden. Eine Tasse Kaffee darf ich mir aber genehmigen? Ja, ist erlaubt (fühle mich leicht schläfrig, spüre kein Herzrasen, keine Koffeinexzesse in den letzten sieben Tagen).

In den Nachmittag starte ich mit einem kurzen Reality-Check. Ich bin nicht Twitter-süchtig (jedenfalls sagt das Hunch, das nicht gemerkt hat, dass ich bei einer Antwort geflunkert habe). Eigentlich sollte ich in den USA leben oder in Portugal. Oder auf Barbados, jedenfalls nicht in der Schweiz. Egal, wo ich lebe, eins sollte ich, bevor ich sterbe, auf jeden Fall noch tun (etwas Herausforderndes, Tod nicht in den nächsten zwanzig Jahren erwartet): ein Buch schreiben (was hiermit getan wäre – möge mich bitte kein Blitz treffen).

Die weise Maschine schreckt auch vor den grossen Fragen des Lebens nicht zurück. Soll ich an Gott glauben? Soll ich Sex mit der Ex haben? (zweimal: nein). Selbst bei solch delikaten Fragen verblüfft Hunch mit klugen Gegenfragen und kommt zu einer nachvollziehbaren Empfehlung. Deshalb weiss sie auch, ob ich eine Freundin brauche: «You’re in heaven, du brauchst keine» (für diesen Ratschlag musste ich unter anderem erklären, welche Musik mir am besten gefällt, und aussuchen zwischen Chris de Burgh, Céline Dion, Scooter und Britney Spears). Wenn das die Hintergrundmusik ist, dann möchte ich diesen Himmel lieber nicht kennenlernen. Kurz zweifle ich an Hunch, zum ersten Mal.

Solch dumme Fragen kann eigentlich nur ein Mensch stellen, nicht aber meine weise Maschine. Nun, hier kommt die Auflösung des Rätsels, genau genommen kommen die Fragen von Menschen. Jeder, der glaubt, in einem Gebiet besonders gut Bescheid zu wissen, kann einen Fragenkatalog erfassen, der schliesslich zu einer Empfehlung führt. Die Leistung der Maschine besteht darin, dass sie einzelne Fragen nach einem Algorithmus so kombiniert, dass sie zu einer tragfähigen Empfehlung führen. Ausserdem lernt sie stetig dazu, indem die Nutzer ihr sagen, wie gut sie die ausgesprochene Empfehlungen finden.

Der Feierabend ist noch eine gute Stunde entfernt, da stellt sich langsam die Frage: Soll ich heute früher Schluss machen? Ja, geht in Ordnung, meint die Maschine (sonniges Wetter, keine schlimmen Konsequenzen zu befürchten). Und was soll ich dann tun? Ein Feierabendbier trinken. Hunch ist gut.

Da sitze ich also, völlig fremdgesteuert, bei einem kühlen Turbinenbräu. Eine letzte Frage muss mir meine weise Maschine nach diesem strengen Tag noch beantworten. Sollte ich eine Honorarerhöhung verlangen? Nein, eher nicht, meint Hunch.

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