Stil und Anstand

Sollten wir unsere Handschrift mehr pflegen?


Wie gerne würde ich hier klipp und klar antworten, dass die Handschrift ein längst überholtes Ärgernis ist. Ein Auslaufmodell, hochgehalten von Retromantikern und der Pädagogenmafia. Aber ich kann mir nicht helfen: Ich finde Menschen mit einer schönen Handschrift sympathischer, interessanter. Ich lese gerne Handgeschriebenes. Ja, verdammt, ich mag es sogar, wenn ich beim Schreiben den Widerstand des Stifts auf dem Papier spüre. Die Handschrift ist mir lieber, als mir lieb ist.

Gegen diesen inneren Konflikt hilft nur eine pragmatische Auslegeordnung. Die ich – touché – zunächst in einen Notizblock kritzle. Die Mission: die systematische Dekonstruktion der Handschrift. Jedes Argument pro Handschrift soll entkräftet werden, damit am Ende bewiesen ist: Die Handschrift ist unnütz. Sollte ich scheitern, werde ich zur Strafe zwei Seiten von Hand vollschreiben mit: Du sollst deinen Stift und dein Papier ehren (Online-Bonuscontent: et voilà). Warum zum Teufel schreiben wir heute also noch von Hand?

Weil wir müssen  —  In vielen Fällen schreiben wir tatsächlich nicht freiwillig von Hand. Wer erinnert sich nicht an schmerzende Handgelenke nach Prüfungen in der Schule oder Essays an der Universität. Manche von uns mussten gar das Schulfach «Schreiben» über sich ergehen lassen. Die Ausbildung der Handschrift wird als nötig angesehen, dabei plagen sich die Pädagogen damit selber – wie viel angenehmer wäre es, Prüfungen in Times New Roman anstatt fünfundzwanzig verschiedenen Sudelschriften zu korrigieren? Auch würde bei der Bewertung niemand mehr benachteiligt, bloss weil seine Schrift weniger kompetent aussieht. Wo die Handschrift nichts als Zwang und Zwängerei ist, hat sie keine Berechtigung. Bis vor wenigen Jahren musste die ganze Steuererklärung von Hand ausgefüllt werden. Wer käme denn heute noch auf eine solch absurde Idee? Lehrer.

Weil es am schnellsten geht  —  Einen Einkaufszettel schreiben, schnell eine Gedankenstütze notieren, dem Mitbewohner eine kurze Nachricht hinterlassen – das alles geht von Hand einfach am schnellsten. Hier können wir die Handschrift ganz unideologisch, also fern von Bildungsauftrag und Romantik, an ihrer Nützlichkeit messen. Neben dem klaren Vorteil beim Notieren gilt es jedoch zu beachten, wozu die Notiz dienen soll. Je nachdem ist dann die handschriftliche Lösung nicht mehr die beste. Die Nachricht an den Mitbewohner erreicht diesen per SMS zuverlässiger, die Gedankenstütze geht als Erinnerung im Handykalender weniger schnell vergessen. So oder so: Für die paar Notizen, die wir uns oder anderen von Hand hinkritzeln, brauchen wir unsere Handschrift nicht speziell zu pflegen.

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Weil es persönlicher ist  —  Liebesbriefe, Glückwunschkarten, Kondolenzschreiben – ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass sie von Hand geschrieben sein sollen. Weil persönliche Botschaften persönlich daherkommen sollen. Und die Konvention sagt nun mal, dass Maschinengeschriebenes unpersönlich ist. Warum eigentlich? Weil es jemand anderes geschrieben haben könnte? Das wahrlich Persönliche an einer Botschaft ist doch nicht, wie sie geschrieben ist, sondern was geschrieben steht. Ein herzliches SMS ist wesentlich persönlicher als ein lieblos dahergeschriebenes Kärtchen. Die Handschrift darf nicht zum Alibi für unpersönliche Inhalte werden. Ist der Inhalt persönlich, so viel gestehe ich zu, verleiht ihm die Handschrift eine zusätzliche Intimität. Vor allem deshalb allerdings, weil es zum Ausdruck bringt, dass sich der Schreiber etwas mehr Zeit genommen hat, in der heutigen Zeit das vielleicht stärkste Zeichen der Wertschätzung.

Weil es beim Denken hilft  —  Die Handschrift kommt oft bei Entwürfen und Skizzen zum Einsatz. Ob Schreiner, Werber oder Webdesigner – sie alle beginnen in aller Regel mit einem Entwurf von Hand. Auch alle Texte in diesem Buch habe ich zunächst von Hand in einem Notizbuch skizziert. Die Handschrift ist ein grob unterschätztes Rückzugsgebiet, um gänzlich undigital Gedanken festzuhalten und zu entwickeln. Beim Skizzieren von Hand fliessen Ideen am rohesten ein, die Kreativität kann sich am besten entfalten. Der Grund dafür liegt buchstäblich auf der Hand. Keine künstliche Benutzerschnittstelle zwingt uns ein bestimmtes Verhalten auf. Weil wir die Hände frei bewegen können, können es die Gedanken auch. Es ist kein Zufall, dass moderne Technikschnittstellen mit Touchscreens versuchen, möglichst nahe an natürliche Bewegungsmuster heranzukommen. Je wohler sich ein Mensch beim Benutzen eines Objekts fühlt, desto freier ist er. Es lässt sich nicht wegwischen: Als Mittel zum Entwickeln von Gedanken ist die Handschrift unverzichtbar.

Nun denn, ich werde meine beiden Strafseiten schreiben. Doch nicht, ohne zuvor für einen pragmatischeren Umgang mit der Handschrift zu plädieren. Wo sie nur Mittel zum Zweck ist, um etwas zu verschriftlichen, gehört sie abgeschafft. Stattdessen sollten wir die Handschrift da konsequent pflegen, wo sie einen wirklichen Wert hat. Um Gedanken zu entwickeln und um persönlichen Nachrichten eine zusätzliche persönliche Note zu geben.

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