Trends und Zukunft

Steuern wir auf die totale Überwachung zu?


Das Problem mit der Überwachung ist, dass wir immerzu an Orwell denken. Wir halten nach Kameras Ausschau, schauen dem Staat auf die Finger und übersehen dabei, dass die Überwachung ganz woanders rasant voranschreitet. Und zwar nicht wider unseren Willen, sondern weil wir es so wollen. Wir sind dabei, staatliche Überwachung überflüssig zu machen, indem wir selber viel mehr von uns preisgeben, als ein Staat jemals herausfinden könnte oder wollte.

Seit das Internet seine Nutzer aktiv mitmachen lässt, ist die Preisgabe persönlicher Daten zum Eintrittsticket geworden. Spätestens seit Facebook im Mainstream angekommen ist, sind das nicht mehr nur ein Benutzername und eine Mailadresse, sondern der tatsächliche Name, Geschlecht, Geburtsdatum und Mailadresse – und das sind nur die Pflichtangaben. Facebook, wie viele andere Dienste, baut darauf auf, dass seine Nutzer Persönliches mit anderen teilen. Für jeden Einzelnen wächst der Nutzen des Netzwerks, umso mehr Persönliches er preisgibt. Und die Nutzer tun es. Jeden Monat werden beispielsweise drei Milliarden neue Fotos auf Facebook veröffentlicht. Wenn auf jedem Foto zwei Menschen zu sehen sind, ist das fast die ganze Weltbevölkerung, jeden Monat.

Im Januar 2010 hat Facebook die Standardeinstellungen zur Privatsphäre der Nutzer geändert. Davor waren alle Dinge, die man auf Facebook preisgegeben hat – Angaben zur Person, Fotos, Statusmeldungen – für den eigenen Freundeskreis bestimmt, ausser man hat sie bewusst öffentlich gemacht. Nun ist es genau umgekehrt. Es sei inzwischen normal, dass man Privates mit der Öffentlichkeit teilt, begründete Facebook-Gründer Mark Zuckerberg den Schritt. Facebook vollziehe damit nur eine Entwicklung nach, die in der Internet-Gesellschaft längst geschehen ist: der Übergang von Privatsphäre zu Offenheit. Das Gegenteil ist wahr: Facebook mit seinen über 500 Millionen Mitgliedern ist neben Google diejenige Firma, die am stärksten prägt, wie Privatsphäre im Internet gehandhabt wird. Was die beiden vorgeben, wird alleine schon deshalb zur Norm, weil die Mehrheit der Nutzer sich nicht die Mühe macht, die Einstellungen von Hand anzupassen.

Beide Firmen erfassen bereits seit längerem auch jene, die ihre Dienste gar nicht aktiv nutzen. Wenn ein Facebook-Mitglied sein Adressbuch mit Facebook synchronisiert, speichert Facebook alle Mailadressen und Telefonnummern aus dem Adressbuch. Als Google seinen neuen Dienst Buzz eingeführt hat, war bei jedem Nutzer zu sehen, mit welchen Leuten er am häufigsten korrespondiert. Wer nicht erfasst werden will, muss sich aktiv dagegen wehren. Einfach auf den Dienst zu verzichten, reicht nicht mehr.

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Orwell würde es kalt den Rücken hinunterlaufen. Aldous Huxley würde ungläubig den Kopf schütteln, wissend, dass er vieles vorausgesehen hat. Dass die Menschen der Zukunft nicht mit Zwang überwacht werden, sondern mit Zückerchen. Huxleys Zukunft ist unsere Gegenwart.

Noch ist es so, dass wir zwar bereitwillig, aber freiwillig viel Persönliches teilen. Noch ist es uns überlassen, welche Privatsphäre-Einstellungen wir bei Facebook und Co. wählen. Noch verwenden die Firmen unsere persönlichen Daten nur, um uns möglichst passgenau mit Werbung zu beliefern. Aber natürlich wecken diese vielen, sehr wertvollen Daten Begehrlichkeiten. Während die Preisgabe von Daten heute noch eine freie Wahl ist, könnte sie morgen schon mit handfesten Vorteilen verbunden sein. Übermorgen hat handfeste Nachteile, wer seine Daten nicht preisgibt. Der nächste Schritt ist dann der Zwang zur Transparenz. Wer nicht transparent sein will, ist in Zukunft verdächtig. In Zukunft? Google-CEO Eric Schmidt sagte im Dezember 2009 in einem Fernsehinterview: «If you have something that you don’t want anyone to know, maybe you shouldn’t be doing it in the first place.» Privatsphäre wird als Geheimniskrämerei umdefiniert.

Wie diese Entwicklung ganz konkret in unser Leben eingreifen kann, lässt sich gut anhand des Dienstes 23andMe zeigen. 23andme ist ein kalifornisches Unternehmen, das für wenig Geld Gentests für alle anbietet. Man lässt seine Spucke analysieren und erhält detaillierte Auswertungen zu Erbkrankheiten und Gesundheitsrisiken. Ein interessantes Angebot (findet übrigens auch Google, das an der Firma beteiligt ist). Heute komplett freiwillig. Was aber, wenn Krankenkassen jenen eine Prämienreduktion anbieten, die den Test machen und offenlegen? Was, wenn Krankenkassen nur noch Kunden akzeptieren, die einen Test vorlegen? Was, wenn der Gentest für jeden Bürger obligatorisch wird?

Ein noch weiter reichendes Beispiel: Es wäre denkbar, dass jeder Mensch einen kleinen Chip unter die Haut gesetzt bekommt, der alles aufzeichnet, was wir tun. Wo wir wann waren, was wir wann zu wem gesagt haben. Die Daten könnten einem vor Gericht ein Alibi verschaffen – oder als Beweismittel zum Verhängnis werden. Man könnte sich in Erinnerung rufen, was man dem Kunden vorletzte Woche genau versprochen hat. Heute schon bezahlen Autofahrer weniger für ihre Versicherung, wenn sie einen Crash-Recorder im Fahrzeug einbauen lassen, mit dem Unfälle leichter analysiert werden können. Warum also nicht das Prinzip gleich auf den Menschen ausdehnen. Klingt verrückt? Es gibt das Projekt bereits. Es heisst MyLifeBits, entwickelt von Microsoft.

Einer, der die radikale Offenheit bei jeder Gelegenheit propagiert und selber auch lebt, ist der amerikanische Buchautor Jeff Jarvis. Er besitzt Aktien von Google, wuchs presbyterianisch auf, wählt die Demokraten und unterstützt den Irakkrieg. Das alles steht auf seiner Website. Als er an Prostatakrebs erkrankte, liess er das sofort alle wissen. Ebenso, dass sein Penis seit der Behandlung schrumpft und nicht mehr richtig funktioniert. Seine Offenheit nutze ihm viel mehr, als sie schadet, argumentiert er, weil er viele Ratschläge erhalte – gerade weil die Menschen so viel über ihn wissen. «In der Ära der Offenheit muss sich das Augenmerk von den Risiken auf den Nutzen der Offenheit verschieben», schreibt er im Artikel The Public Life. Und erklärt: «Unter Nudisten ist niemand nackt.» Das stimmt nicht. Vor allem dann nicht, wenn ein lüsterner Big Brother von oben herab auf alle Nackten blickt. Gleichzeitig wird jener, der sich unter lauter entblössten Menschen lieber bekleidet hält, zum Aussenseiter und argwöhnisch betrachtet.

Privatsphäre bedeutet nicht, dass man sich verschliesst. Sondern, dass man die Wahl hat, wie sehr man sich öffnet. Wir tun gut daran, die Preisgabe der Privatsphäre allen als Möglichkeit zu lassen und zu verhindern, dass sie zum gesellschaftlichen oder gar staatlichen Zwang wird. Im besten Fall erleben wir gerade mit, wie sich Privatsphäre im Netz gemäss Antoine de Saint-Exupéry «vom Primitiven über das Komplizierte zum Einfachen» entwickelt und dabei ist, sich auf ein sinnvolles Mass einzupendeln. Im schlechtesten Fall wird der britische Künstler Banksy dereinst recht behalten mit seiner Umdeutung des warholschen Bonmots. Seine Mahnung: In the future, everyone will be anonymous for 15 minutes.

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