Rat und Tat

Wie kommuniziere ich effizient?


Da stehe ich, mit den Füssen im Treibsand, den Kopf in einem Orkan, in der einen Hand das Schwert, mit dem ich der Hydra Kopf um Kopf abschlage, mit der anderen spiele ich Simultanschach gegen 25 Grossmeister. Alles unter Kontrolle, alles ganz normal. So und nicht weniger dramatisch fühlt es sich bisweilen an, wenn man mit modernster Technik mit der Welt kommuniziert.

Kommunikation war nie einfach. Weil sie immer schon den tückischen Weg von Mensch zu Mensch gehen musste, und erst noch zurück. Die Wahl der richtigen Mittel dagegen, die war mal einfacher. 490 vor Christi Geburt beispielsweise. Die Perser griffen die Griechen an, diese brauchten unbedingt Verstärkung. Kein langes Überlegen nötig: Der Bote Pheidippides lief von Athen nach Sparta, um Hilfe zu holen. 246 Kilometer, zu Fuss. Effizient, weil ohne Alternative.

Vor der massenhaften Verbreitung von Internet und Handys galt immerhin noch die kommunikative Dreifaltigkeit: Wenn es schnell gehen musste, telefonierte man, wenn es wichtig war, schrieb man einen Brief, wenn es persönlich sein sollte, traf man sich auf einen Kaffee.

Aber heute?

Ich schreibe E-Mails von fünf verschiedenen Adressen aus, zu Hause, im Büro, unterwegs auf dem iPhone. Tippe SMS, versende Direktnachrichten bei Facebook und Twitter. Chatte bei Facebook, chatte mit Skype, das ich auch zum Telefonieren brauche. Wie das Telefon, das ich hin und wieder auch in seiner ursprünglichen Form nutze. Ich schreibe und empfange Hunderte von Kurzmitteilungen bei Twitter und Facebook. Ab und zu, sehr selten, schreibe ich einen Brief, ganz echt auf Papier. Und ja, ich unterhalte mich mit Menschen auch ganz analog, in Fleisch und Blut, draussen in der richtigen Welt.

Mehr Kanäle bedeuten mehr Möglichkeiten. Pheidippides hätte sich bestimmt nicht beklagt, wenn er einfach in Sparta hätte anrufen können. Heute gibt es für jedes Bedürfnis den richtigen Kommunikationskanal. Eine Verabredung trifft man per Telefon, ein Problem schafft man im direkten Gespräch aus der Welt, ein Briefing schickt man per E-Mail, einen Gutenachtgruss als SMS. Rasch und unverbindlich tauscht man Informationen per Chat aus, an die Masse wendet man sich über Twitter, an den Freundeskreis per Facebook-Statusmeldung. Wunderbar, einfach und effizient. Bloss: Es funktioniert nicht. In Sachen digitaler Kommunikation sind wir alle noch Lernende.

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Der Mensch ist nicht in der Lage, unter so vielen Möglichkeiten jeweils den richtigen Kanal zu wählen. Spätestens wenn ein zweiter Mensch ins Spiel kommt – und das hat Kommunikation so an sich –, ist das Chaos perfekt. So passiert es, dass ich einen Bekannten anskype, um ihn zu fragen, ob er mein E-Mail gelesen habe, und als Antwort erhalte: siehe Twitter. Oder ich frage eine Freundin per SMS, an welchem Tag wir verabredet sind, erhalte die Antwort im Facebook-Chat und finde sie später nicht mehr, weil der Chat nirgendwo gespeichert wird. Und es möge bitte jener aufstehen, der nicht regelmässig sechs SMS hin- und herschickt, um sich zu verabreden, wo das Ganze doch mit einem Anruf in 30 Sekunden erledigt wäre.

Dieses wilde Durcheinander verschiedener Kommunikationskanäle kostet Zeit und verzettelt die Kommunikation. Wie ein Dementer, der seine Schlüssel verlegt hat, bin ich ständig auf der Suche nach dem Ort, wo ich an eine Konversation wieder anknüpfen kann. Zu oft habe ich keine Ahnung mehr, in welchem der zig Kanäle ich mich mit einer bestimmten Person zuletzt ausgetauscht habe. Als ob Kommunikation zwischen Menschen nicht schon schwer genug wäre.

Ich habe für mich zwei Lösungen gefunden. Ich versuche, so oft es geht, vor dem Kommunizieren kurz den Verstand einzuschalten. Um mich bewusst für einen Kanal zu entscheiden. Denjenigen, der für diese Situation und diesen Adressaten am schnellsten zum Ziel führt. Es bewirkt Wunder.

Doch, um ehrlich zu sein, vergesse ich allen Vorsätzen zum Trotz viel zu oft, den Verstand einzuschalten. Oder bin einfach zu faul. Darum bleibt von den zwei Lösungen eigentlich nur eine wirkliche. Die lautet: das Chaos umarmen. Der Mensch, im Gegensatz zum Universum erwiesenermassen, strebt zur Unordnung. Ordnung ist lediglich die erzwungene Abwesenheit von Unordnung. Ich lasse die Kommunikation fliessen, lasse sie selber ihre Wege suchen, wie ein Fluss, der sich vielarmig durch ein Tal schlängelt. Gebe mir Mühe, einigermassen den Überblick zu behalten, lasse mich aber nicht aus der Ruhe bringen, wenn Treibsand und Orkane mich zu verschlingen drohen. Solange ich meine Arbeit gut erledige und einige Menschen meine Freunde nennen kann, glaube ich daran, dass die Kommunikation funktioniert. Selbst wenn ich längst nicht mehr weiss, wie.

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