Stil und Anstand

Wo fahre ich ganz altmodisch analog besser?


Man muss kein unverbesserlicher Nostalgiker sein, der versessen an Büchern schnüffelt, Vinylplatten streichelt und ob des Raschelns von Zeitungspapier in Verzückung gerät, um in der heutigen digitalen Welt noch Kraftorte des Analogen zu erkennen. Sie sind da, auch für Pragmatiker nicht zu leugnen. Man findet sie indes nicht in der Welt der Dinge, wo jede Idee irgendwann von einer neueren überholt wird. Man findet sie da, wo im Ursprung kein Ding war: in der menschlichen Kommunikation. Von Facebook zu Rauchzeichen zurückzukehren wäre nostalgische Esoterik. Der interessante Schritt zurück ist jener von medialer Kommunikation zu direkter, die von Angesicht zu Angesicht stattfindet. Alte Dinge können mit neuen selten mithalten. Keine Dinge sehr wohl.

Tyler Brûlé, der kosmopolitische Connaisseur, eigentlich bekannt dafür, Dinge auf der ganzen Welt zu empfehlen, die sich niemand leisten kann, hat einmal einen klugen Satz gesagt. Er kommentierte den Hype um neue Kommunikationsformen wie Facebook und Twitter lapidar: «Es gibt eine Form von Social Media, die wirklich funktioniert, beruflich wie privat. Man nennt sie ein Glas Wein zusammen trinken.» Auch wenn er dabei vermutlich an die limitierte Edition eines 1982er Château de Vanité mit exklusiver Tom-Ford-Etikette gedacht hat, trifft er den Kern. Der Wein und das Wort – sie passen nicht nur vom Klang wunderbar zusammen.

Natürlich ist Brûlés Plädoyer für die weinselige Kommunikation mit Mass zu geniessen. Der analoge Dialog ist seinen digitalen Alternativen nicht grundsätzlich überlegen. Auf die Dauer wäre es auch ganz schön anstrengend, jede Form von Kommunikation auf dem Medium Wein aufzubauen. Um das richtige Mass zu finden und nicht bei den kommunikativen Alkoholikern zu landen, können Sie sich wiederum am Wein orientieren. Das Internet ist ideal, um Freunde nach einem empfehlenswerten Wein zu fragen; um Informationen über ein Weingebiet und Expertenmeinungen über den richtigen Jahrgang zu beschaffen; um Weinpreise zu vergleichen; und schliesslich, um Wein zu bestellen. Getrunken aber wird offline. Das Wichtigste gehört in die Realität ausserhalb des Netzes. Der Wein ist darum das Medium der Wahl, wenn die grossen Herausforderungen der zwischenmenschlichen Kommunikation anstehen: die Verführung, der Streit, die intelligente Unterhaltung. Fangen wir beim Letzten an.

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Der Wein macht den Menschen zwar nicht intelligenter, und wer glaubt, er lasse ihn wenigstens intelligenter aussehen, dem fehlt bereits eine gewisse Grundintelligenz. Der Wein aber versetzt den Menschen in eine Stimmung, in der er in der Lage ist, sein intellektuelles Potenzial abzurufen. Weil er entschleunigt und die Gedanken fokussiert. Und weil der Wein als Genussmittel eine Würde ausstrahlt, welcher der Trinkende ebenbürtig sein möchte, weshalb er sich doppelt anstrengt. Zwei Menschen, wer sie auch sein mögen, werden bei einem Glas Wein immer das intelligentere Gespräch führen, als wenn sie ihre Gedanken bei Twitter, Facebook oder im Videochat austauschen.

Auch für den Streit gilt: raus aus dem Netz, ran an die Flasche. Insbesondere dann, wenn die Stimme beben und der Blick töten, das Ganze aber in eine gütliche Einigung münden soll. Nichts ist ärgerlicher, als wenn man nicht richtig zum Ausdruck bringen kann, wie verärgert man ist. Einen Streit digital auszufechten bedeutet immer, Emotionen codieren zu müssen (kennen Sie den vor Wut explodierenden Smiley bei Skype? Niemand nimmt den ernst, so süss ist der). Codierte Emotionen frustrieren und sorgen für Missverständnisse, ein guter Streit aber braucht unmissverständliche Emotionen. Was den Wein zum Konfliktlöser qualifiziert: Er beruhigt und verbindet. Das ist die beste Medizin, um nach einem echten Streit zu einer echten Lösung zu kommen. Zwei Menschen, worüber sie auch streiten mögen, werden bei einem Glas Wein immer den besseren Streit mit dem besseren Ende erleben, als wenn sie ihn in der digitalen Arena ausfechten.

Schliesslich die Verführung. Dass diese im Analogen besser funktioniert als im Digitalen, ist gar nicht so offensichtlich. Es geht hier nicht einfach darum, dass es nicht besonders prickelnd ist, wenn die letzte Frage lautet: zu youporn oder mirporn? Das Spiel zwischen Nähe und Distanz, das für die Verführung essenziell ist (für eine Zweitmeinung lesen Sie bitte die Bücher von Lou Paget), lässt sich online genauso gut, wenn nicht besser spielen. Eine vertraute, offene Atmosphäre lässt sich auch in der digitalen Welt herstellen. Was nur bei einem Glas Wein geht: gemeinsam lachen und im richtigen Moment den Arm des Gegenübers leicht anfassen. Wirkt Wunder. Zwei Menschen, wie erpicht sie auch sein mögen, werden sich bei einem Glas Wein immer näher kommen, als wenn sie gegenseitig das Netz auswerfen.

Kurzum: Wenn es darauf ankommt, greifen Sie zur Flasche!

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