Rat und Tat

Wozu ist Twitter gut?


In maximal 140 Zeichen der Welt mitteilen, was man gerade tut. Immer und immer wieder. Das ist Twitter. Man veröffentlicht seine Kurznachrichten im Netz, für jeden, den es interessiert. Die ideale Beschäftigung, möchte man meinen, für Gelangweilte, Narzissten und – Gott behüte! – gelangweilte Narzissten. Natürlich würde ich nie zugeben, dass ich ein gelangweilter Narzisst bin. Warum also nutze ich, David Bauer, Journalist und Mensch, Twitter?

Man muss sich Twitter wie eine Party vorstellen. Eine grosse Party. Man geht hin, um sich zu unterhalten, um Neuigkeiten zu erfahren, um neue Leute kennen zu lernen. Und natürlich, um sich selber zu präsentieren. Das alles bietet Twitter. Bloss auf den sozialen Brandbeschleuniger Alkohol müssen Sie hier verzichten. Genau genommen ist Twitter selber ein Substitut dafür: Es sorgt dafür, dass unterschiedlichste Menschen leicht ins Gespräch kommen. Wie bei jeder Party ist es am Anfang etwas mühsam. Man muss sich erst einmal orientieren, seine Leute suchen. Und dieser Lärm!

Als ich kurz vor Weihnachten 2008 zu Twitter stiess, war die Party schon in vollem Gange (auch wenn der grosse Ansturm erst folgen sollte). Alles, was ich zunächst vernahm, war ein riesiges Durcheinander, ein Geschnatter allerorten. Jeder Mensch eine Profilseite, gefüllt mit Kurznachrichten, zusammen ein Umschlagplatz Abertausender Nichtigkeiten. Man schlendert ein wenig durch die Menge, hält Ausschau nach Menschen, die einem bekannt vorkommen, und beobachtet, wie sich die Leute hier so verhalten. Zu Beginn habe ich einfach zugehört, was die Leute zu erzählen haben. Solchen, die ich kannte. Solchen, die gleich daneben standen.

Man braucht nicht lange, um festzustellen: Es gibt sie auch hier, die Langweiler, die nur aus ihrem durchschnittlichen Alltag plaudern, die Selbstverliebten, die die ganze Zeit nur über sich reden, und Sonderlinge, die immer nur eines im Kopf haben (Siehe: «Machen Gadgets glücklich?»). Es gibt aber auch andere: kluge Köpfe, die Interessantes zu berichten haben, Insider, die das Neuste immer zuerst wissen, gewitzte Menschen, denen man einfach gerne zuhört. Bei einigen habe ich schliesslich auf den Follow-Knopf gedrückt, was nichts anderes ist als das Versprechen: «Ich höre dir zu.» Alle Kurzmitteilungen dieser Personen kommen seitdem automatisch auf meinen Bildschirm, alle durchmischt, streng chronologisch sortiert.

Die Kunst von Twitter besteht darin, die Leute zu finden, denen zuzuhören sich wirklich lohnt. Wie in jeder anderen Lebenssituation auch. Das ganze Geschnatter drumherum lässt sich dann problemlos ausblenden.
Wer nervt, ist mit einem Klick weg. Partylangweiler haben keine Chance. So erfahre ich Anekdoten und Neuigkeiten von Menschen, mit denen ich sonst kaum in Kontakt käme. Ich werde auf spannende Dinge aufmerksam, die ich selber nicht gefunden hätte, weil ich sie nicht gesucht habe. Dabei kann ich problemlos an Dutzenden Orten gleichzeitig sein, mit einem Ohr zuhören. Meine Aufnahmefähigkeit ist das einzige Limit.

Darüber hinaus besitzt Twitter eine grössere Dimension. Wo die Party aufhört und der Ernst beginnt. Mit inzwischen über hundert Millionen Nutzern ist Twitter ein mächtiges Kommunikations- und Mobilisierungsnetzwerk geworden. Bei den Protesten gegen das Regime in Teheran hat Twitter Stimmen des Widerstands in die ganze Welt hinausgetragen und eine riesige Solidarisierungswelle ausgelöst (Siehe: «Macht das Internet die Welt demokratischer?»). Nach dem Erdbeben in Haiti verbreiteten sich Spendenaufrufe über Twitter. Bei der Präsentation des iPads von Apple war Twitter das Stimmungsbarometer des Hypes. Botschaften verbreiten sich auf Twitter in Sekundenschnelle und potenzieren ihre Wirkung.

Kurzbefehl von David BauerSie lesen einen Auszug aus dem Buch «Kurzbefehl – Der Kompass für das digitale Leben.» von David Bauer. Sie können das Buch jetzt bestellen, weiterstöbern, diesen Text kommentieren oder selber eine Frage zum digitalen Leben stellen. Ah ja, und via Facebook weiterempfehlen dürfen Sie es auch gerne.

Anfangs habe ich selber nichts zur Konversation beigetragen. Twitter hat nichts gegen stumme Zuhörer. Ich kann es nutzen, ohne selber Kurznachrichten zu verschicken. Twitter ist mein persönlicher Nachrichtenticker, gefüttert von Menschen, denen ich vertraue. Eine nützliche Informationsquelle mit Humor. Bunt gemischt liefert mir Twitter Neuigkeiten aus aller Welt und allen Welten. Von Medien, die mich interessieren, von Fachleuten, deren Meinungen und Hinweise ich schätze, und von Personen, die ich persönlich kenne.

Und doch kommt irgendwann der Punkt, an dem man selber auch etwas in die Runde werfen möchte. Man möchte gerne etwas zurückgeben für all die Inputs, die man selber empfängt. Möchte mit Leuten in einen Dialog treten. Ich habe eine gewisse Anlaufzeit gebraucht, seitdem schreibe ich selber sehr rege Botschaften in 140 Zeichen. Ich schreibe, was mich gerade umtreibt. Kommentiere aktuelle Entwicklungen. Und empfehle lesenswerte Artikel und hörenswerte Musik weiter. Und wenn ich verreise, frage ich meine rund 700 Follower nach Tipps. Mindestens ein guter kommt immer zurück.

In 140 Zeichen kann man wenig Sinnhaftes sagen und nicht ernsthaft kommunizieren, sagen Sie? Sie werden staunen. Sie werden sich an der nächsten Party das eine oder andere Mal die Prägnanz von Twitter herbeisehnen, wenn Ihnen jemand wortreich Inhaltsarmes erzählt. Natürlich darf man nicht verkennen, was Twitter ist: Smalltalk. Kurz und stets genau so interessant wie der Gesprächspartner. Um ein Gespräch zu vertiefen, können Sie sich jederzeit auf ein Glas Wein verabreden (Siehe: «Wo fahre ich ganz altmodisch analog besser?»).

Am Ende des Tages habe ich mich gut unterhalten. Habe viel Neues erfahren. Und oft ein paar Kontakte geknüpft, die sich vielleicht mal als nützlich erweisen werden. Brauchen Sie alles nicht? Versuchen Sie es trotzdem. Es kostet nichts. Auch mir wurde erst bewusst, dass ich so was wie Twitter gesucht hatte, als ich es gefunden hatte.

Der Autor bei Twitter
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