Trends und Zukunft

Schafft der Mensch sich selber ab?


Die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page sagten einmal, sie könnten sich gut vorstellen, dass dereinst die Suchmaschine direkt mit dem menschlichen Gehirn verbunden wird. Denken bedeutet dann (auch) googeln. Kühne Science-Fiction und Schreckensutopie? Vermutlich weniger, als wir denken.

Technisch ist der Mensch zwar noch nicht so weit. Doch das ist nicht die entscheidende Frage. Informationstechnologie, Nanotechnologie und Neurowissenschaft entwickeln sich in einem Tempo, dass es nicht schwerfällt zu glauben, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis es möglich sein wird, den menschlichen Körper technisch zu erweitern und beispielsweise das Gehirn mit Google zu verdrahten (schon heute haben wir Herzschrittmacher, Hirnschrittmacher und Hörgeräte). Die entscheidende Frage ist, ob wir bereit sind, eine solche Entwicklung geschehen zu lassen. Die Antwort ist ein schleichendes Ja. Wir haben sie bereits gegeben.

Die Medizin, die Pharmazie und alle Wissenschaften, die sich mit der Funktionsfähigkeit des menschlichen Körpers und der menschlichen Psyche befassen, sind traditionell darauf ausgerichtet, Leiden zu vermindern und präventiv zu verhindern. Salopp gesagt: Man sieht zu, dass möglichst nichts kaputtgeht. Und wenn etwas kaputtgeht, wird es repariert. Die heutige Medizin geht deutlich weiter. Wir haben längst damit begonnen, gesunde Körper zu verändern. Mit dem Ziel, Leistung und Schönheit zu steigern. Nach aktuellen medizinischen Möglichkeiten bedeutet das, Brüste mit Silikon aufzupolstern, Falten wegzuspritzen und Körper und Geist mit geeigneten Substanzen aufzuputschen. Es gelingt sogar, diese Eingriffe nach traditionellem Medizinverständnis zu begründen, indem Defizite konstruiert werden. Je nachdem, was als Massstab gesetzt wird, ist jeder menschliche Körper defizitär und in diesem Sinne «korrekturbedürftig». Nicht mehr die Natur ist der Massstab, sondern der menschliche Anspruch. Heute sind die Brüste zu flach und das Gesicht ist zu faltig, morgen das Gehirn nicht mehr leistungsfähig genug. Wir haben uns dieser Entwicklung längst geöffnet.

Raymond Kurzweil ist wohl der prominenteste Verfechter der Theorie, dass der Mensch mit von ihm erschaffener Technik verschmelzen wird – und dass das erstrebenswert sei. In seinem Buch The Singularity Is Near: When Humans Transcend Biology erstellte der amerikanische Futurologe bereits 2005 einen genauen Zeitplan, wie sich Mensch und Computer annähern und schliesslich verschmelzen werden. Die «Singularität» ist nach Kurzweil der Punkt, an dem Menschen nicht mehr die intelligentesten Wesen des Planten sind und damit den Lauf der Dinge nicht mehr selber bestimmen. Die künstliche Intelligenz von Maschinen ist dann so fortgeschritten, dass normale, unveränderte Menschen nicht mehr Schritt halten können. Der Mensch als solcher hat sich mit seinen Errungenschaften selber abgeschafft. Was bleibt, ist eine neue Daseinsform, eine Mensch-Maschine, bei der die Grenzen nicht mehr klar feststellbar sind. 2045 soll es so weit sein. Wie sagte der polnische Schriftsteller Stanislaw Jerzy Lec bereits Mitte des letzten Jahrhunderts: «Die Technik ist auf dem Weg, eine solche Perfektion zu erreichen, dass der Mensch ohne sich selber auskommt.»

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Kurzweil ist ein radikaler Denker, gewiss, entsprechend heftig wird er für seine Prognosen kritisiert. Im Kern liest er die aktuelle Entwicklung aber richtig. Auch wenn der Mensch möglicher weise nicht schon in 35 Jahren obsolet geworden ist, so sollte er rechtzeitig damit beginnen, darüber nachzudenken, was eine solche Entwicklung bedeutet. (Siehe: «Erfordert die digitale Welt eine neue Ethik?»)

Sie wird, noch bevor der Mensch zur Mensch-Maschine wird, die Gesellschaft grundlegend verändern. Schrittweise werden technische Möglichkeiten verfügbar werden, die den menschlichen Körper und Geist leistungsfähiger machen werden. Ein Ohrimplantat, mit dem der Mensch auf deutlich mehr Frequenzen hören kann als normal. Eine Augenoperation, nach der der Mensch auch im Dunkeln sieht. Ein System aus Nanorobotern, das es erlaubt, den Hormonhaushalt gezielt von aussen zu steuern, um im richtigen Augenblick aufmerksam, waghalsig oder entspannt zu sein. Oder eben ein Chip als Erweiterung für das Gehirn, so dass der Mensch beim Denken nicht nur auf seinen eigenen Speicher, sondern auf eine gigantische Wissensdatenbank zugreifen kann. Die Anwendungen werden (zumindest zu Beginn) sehr teuer sein, nur sehr Privilegierte werden sie sich leisten können. Während im Sport unnatürliche Leistungssteigerung verurteilt wird, ist sie bislang in der Gesellschaft akzeptiert. Schönheitsoperationen und Aufputschmittel werden nicht als stossende Verzerrung der Chancengleichheit wahrgenommen. Was aber, wenn die ersten Schüler dank reicher Eltern mit dem Wissens-Chip ausgestattet sind? Was, wenn die Stelle als Messtechniker an jenen Bewerber mit den künstlichen Adleraugen vergeben wird? Das disruptive Potenzial dieser Entwicklung hin zur Mensch-Maschine zeigt sich nicht erst dann, wenn der Mensch sich selber abschafft. Sondern an dem Punkt, wo sich die ersten Menschen zu leistungsfähigeren Wesen umbauen lassen.

Der digitale Graben, der heute vor allem zwischen Industrie- und Entwicklungsländern verläuft und über den unterschiedlichen Zugang zu Informationstechnologie definiert ist, wird dann dramatisch an Tiefe und an Bedeutung gewinnen. Er wird verlaufen zwischen einer technoiden Kaste und all jenen naturbelassenen Menschen, die sich das technische Wettrüsten am eigenen Körper nicht leisten können oder sich der Entwicklung verwehren. Unterschiedliche Lebensbedingungen, unterschiedliche Bildung, unterschiedliche finanzielle Mittel sorgen schon heute für ein deutliches gesellschaftliches Gefälle und entsprechende Spannungen. Hält es eine Gesellschaft aus, national wie global gesehen, wenn sich die Chancenungleichheit potenziert, indem ohnehin schon Bevorteilte sich zusätzlich einen körperlichen Vorteil verschaffen? Sie hält es aus, wenn jene, die den Vorteil haben, diesen zum Wohle aller einsetzen. Also vermutlich nicht. Wahrscheinlicher ist – homo homini lupus –, dass eine neue Superelite auf Kosten der Normalmenschen ein privilegiertes Leben führen und ihre Macht stetig ausbauen wird. Im harmloseren Fall innerhalb einer technikgestützten Hegemonie. Im schlimmsten Fall in einer totalitären Gesellschaft.

Verschmilzt der Mensch irgendwann zur Mensch-Maschine verliert er seinen menschlichen Kern. Bereits auf dem Weg dorthin aber droht er seine Menschlichkeit zu verlieren.

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