Leben und Überleben

Wo kann ich mich von dem ganzen Technikwahnsinn erholen?


Vielleicht gibt es die Diagnose bereits, sonst muss man sie bald definieren: den digitalen Wahnsinn. Mit gutem Grund haben wir die Technik in unser Leben gelassen. Doch nun ergreift sie mehr Besitz von uns, als uns lieb sein kann. Wir haben Maschinen zu unseren Dienern gemacht und übersehen, dass wir uns selbst unterworfen haben. Wir können nicht mehr ohne, denken viel zu oft an Handy, iPod und Internet. Weil wir nicht mehr loslassen, werden wir zu Getriebenen, rasend vor digitalem Wahnsinn.

Es ist dringend nötig, dass wir von Zeit zu Zeit entfliehen. Uns zur Flucht ins Analoge zwingen. Die Flucht führt nur über Wille und Disziplin, ist eine Art Zen-Übung. Die Herausforderung besteht darin, sich komplett auszuloggen aus dem digitalen Alltag. Ohne ständig daran zu denken, was wir wohl gerade verpassen. Das halbe Abschalten funktioniert genau deshalb nicht. Man bekommt dann gerade genug mit, um zu sehen, was man alles verpasst. Und dahin ist es mit der Erholung. Wagen Sie die komplette Auszeit! So viel sei hier als Mutmacher verraten: Sie werden nichts Weltbewegendes verpassen.

Das Naheliegendste und praktischerweise auch am nächsten gelegene Refugium ist unser eigener Kopf, eine Welt voller Gedanken, die ganz ohne Technik auskommt. Wenn wir wollen, sind unsere Gedanken eine ganz persönliche Wellness-Oase inmitten einer Welt, deren digitales Grundrauschen nie mehr verstummt. Einfach abschalten, in sich selber zurückziehen. In unserem so durchtechnisierten Umfeld ist das allerdings sehr anspruchsvoll. Ständig klingelt irgendwo ein Handy, hackt einer auf seine Laptop-Tastatur ein und überall buhlen elektronische Botschaften um unsere Aufmerksamkeit.

Kurzbefehl von David BauerSie lesen einen Auszug aus dem Buch «Kurzbefehl. Der Kompass für das digitale Leben.» von David Bauer. Sie können das Buch jetzt bestellen, weiterstöbern, diesen Text kommentieren oder selber eine Frage zum digitalen Leben stellen. Ah ja, und via Facebook weiterempfehlen dürfen Sie es auch gerne.

Der wahre Zen-Meister findet überall seine Ruhe. Uns Anfängern sei es jedoch erlaubt, ein wenig nachzuhelfen. Indem wir Orte aufsuchen, wo der technische Alltag weit weg ist. Orte, die so atemraubend sind (und die Roaming-Tarife gleich dazu), dass Handy und Internet das Letzte sind, woran wir in dem Moment denken werden. Einige Anregungen.

—  Gehen Sie auf Trekkingtour durch Westnepal, von Jumla nach Simikot etwa. Diese Gegend ist dünn besiedelt und von äusseren Einflüssen wenig berührt. Handyempfang haben Sie keinen, dafür warten Berglandschaften, türkisblaue Flüsse und eine Tierwelt mit Moschusochsen, roten Pandas und Blauschafen.

—  Erkunden Sie mit dem Kajak die Pazifikgewässer um Queen Charlotte Islands, vor der Westküste Kanadas gelegen. Früher haben in dieser Gegend Haida-Indianer gelebt, heute gibt es nur noch Bären, Biber und Adler. Auf einsamen Inseln, in Fjorden und im Regenwald ist die durchtechnisierte Zivilisation weit weg.

—  Durchqueren Sie mit dem Mountainbike die Sinai-Wüste in Ägypten. Schweisstreibende Fahrten durch karge Landschaften lassen Sie tagsüber jede Technik vergessen, sternenklare Nächte regen dazu an, die Gedanken schweifen zu lassen.

—  Erforschen Sie die Schnee- und Eislandschaften von Alaska oder Lappland mit einem Hundeschlitten. Lassen Sie den Nordwind um Ihre Ohren pfeifen und vertreiben Sie so das digitale Grundrauschen. Verschiedene Anbieter organisieren solche Touren, auch für Stadtaffen ohne Erfahrung mit Schlittenhunden.

—  Bahnen Sie sich mit einem Geländefahrzeug inklusive Dachzelt Ihren Weg durch den Etosha-Nationalpark im Norden Namibias und erleben Sie die afrikanische Tierwelt, wie Sie sie sonst nur aus dem Zoo kennen. Sie selber brechen gleichzeitig aus dem Gehege Ihres persönlichen Technoparks aus.

—  Gehen Sie auf Polarmeer-Expedition an Bord eines Eisbrechers. Luxus suchen Sie dort vergebens, dafür werden die den Luxus der totalen Abwesenheit von Zivilisation erleben. Wenn sich das Schiff krachend seinen Weg durch die dicken Eisschichten bahnt, spüren Sie ganz physisch, was es bedeutet, aus dem starren Technikalltag auszubrechen.

—  Wenn Ihnen das alles zu aufwändig oder zu teuer ist, machen Sie sich auf einen ausgedehnten Spaziergang im nächstgelegenen Wald. Brechen Sie früh am Morgen auf und kehren Sie erst wieder zurück, wenn es eindunkelt. Das Handy bleibt selbstverständlich zu Hause, Fotoapparat und iPod ebenso. Nur eine Trinkflasche und etwas Proviant sollten Sie nicht vergessen.

Suchen Sie sich aus, was Ihnen zusagt. Oder gehen Sie ganz woanders hin. Aber gehen Sie. Und zwar so weit weg, wie es nötig ist (das heisst für die meisten Menschen: sehr weit weg). Nehmen Sie ein Notizbuch mit, schreiben und zeichnen Sie. Saugen Sie Eindrücke auf und speichern Sie sie als Erinnerungen. Mehr brauchen Sie nicht, mehr sollen Sie nicht mitnehmen auf die Flucht vor dem digitalen Wahnsinn. Sie werden sich einsam fühlen, von der Welt abgeschnitten. Geniessen Sie es.

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